Walsroder Nachrichten Mittwoch, 15. April 1998 Lokales Computer / 850 Technik-Freaks trafen sich in der Heidmark-Halle zu "Mekka und Symposium" / Vier Tage und Nächte am Computer gesessen Essen, trinken, schlafen vor Tastatur und Bildschirm Fallingbostel. Nicole schüttelt mit dem Kopf. Die junge Frau hat kein Verständnis für das, was "da unten in der Halle passiert". "Ich begreife nicht, wie Leute tagelang nur vor ihren Computern sitzen und dabei an nichts anderes denken können." Als ehrenamtliche Toiletten-Frau kümmert sich die 20jährige darum, daß die rund 850 Computer-Freaks, die das Osterfest in der Heidmark-Halle verbringen, zwischen den Inputs ein sauberes Örtchen für den Output vorfinden. Die Abiturientin ist eine der wenigen Frauen, die sich in die Höhle der Bits und Bytes gewagt haben. Auf ein Pläuschchen oder gar Flirt mit einem der Gäste kann sie nicht hoffen. Die Computer-Freaks sind geistig mit Bill Gates verheiratet. Und überhaupt: Kommunikation findet in der abgedunkelten Halle nur mittels Tastatur und leistungsfähigem Netzwerk statt. Gesprochen wird kaum, es gilt das geschriebene Wort. Vier Tage laufen die Prozessoren auf Hochtouren - nonstop. Von Karfreitag bis Ostermontag ist Fallingbostel das Mekka der "Homo PC-Sapiens". Rund 850 zumeist hochbegabte Technik-Fans sitzen an etwa 500 Rechnern, starren auf die Bildschirme, lassen sich von künstlichen Klängen inspirieren oder tippen eifrig auf der Tastatur herum. Aus ganz Europa sind die jugendlichen Computer-Spezialisten angereist, um sich auszutauschen, neue Ideen zu sammeln oder einfach nur virtuellen Spaß zu haben. Entstanden ist "Mekka und Symposium", wie die Veranstaltung offiziell heißt, aus der früheren Hacker-Szene - junge Leute, die in den 80er Jahren Computerspiele "geknackt" und illegal kopiert haben. "Inzwischen ist selbstverständlich alles legal, was auf unseren Veranstaltungen abläuft", unterstreicht Malte Kanebley. Der 22jährige BWL-Student und ausgebildete Bankkaufmann ist einer der rund 50 Organisatoren, die zur alljährlichen Pilgerfahrt in das "Mekka" der PC-Welt einladen. An Selbstironie fehlt es dem Neu Wulmstorfer nicht, wenn er über das Mammut-Treffen redet. "Hier gibt es schon ein paar total durchgeknallte Typen", gesteht Malte. "Das sind richtige Kommunikations-Legastheniker. Die sitzen die ganze Zeit nur vor ihren Kisten, ohne ein Wort zu sagen." Da Wohn-, Arbeits- und Schlafraum in diesen Tagen zu einer Einheit werden, herrscht beklemmende Enge zwischen den Tisch- und Stuhlreihen. Neben den Tastaturen liegen Zahnbürsten, stehen Cola-Flaschen (Alkohol ist verboten) oder Tütensuppen. An den Wänden lehnen Luftmatratzen, daneben liegen Schlafsäcke. ---------------------- Wettbewerbe ohne Pause ---------------------- Geschlafen wird in den vier Tagen entweder im beheizten Zelt oder direkt auf der Tastatur. "Viele Besucher fallen dort um, wo sie gerade stehen", erzählt Malte. Eine echte Nachtruhe, die ihrem Namen gerecht wird, gibt es allerdings nicht. Ohne Pause dröhnt Musik aus den PC-Boxen, finden neue Wettbewerbe statt. Dabei ist das Ziel, aus relativ einfachen Computern möglichst viel herauszuholen - beispielsweise ein Demo mit Musik und Grafik zu programmieren, das kaum mehr Speicher benötigt als eine kleine Textdatei. "Viele der Gäste sind Studenten oder Schüler. Die haben kein Geld, um sich einen Pentium II- Rechner zu kaufen. Also machen sie aus der Not eine Tugend und versuchen, die vorhandenen Ressourcen effektiv zu nutzen", sagt der 22jährige. "Wenn Commodore damals gewußt hätte, was man mit einem C 64 alles machen kann, hätten die sicherlich mehr Geld dafür genommen", schmunzelt Malte. Und so arbeiten auch beim "Mekka 98" noch immer viele Computer-Freaks mit den eigentlich längst überholten Homecomputern. Neueste Errungenschaften wie "Windows 98" verachten sie. Die Sieger-Programme der Wettbewerbe sind später auf einer Großbild-Leinwand zu sehen. Die wurde -wie viele andere Dinge- von großen Firmen gesponsort. Und das nicht ohne Hintergedanken. "Einige Software-Unternehmen rekrutieren aus diesen Kreisen ihre neuen Mitarbeiter", verrät der Organisator. Denn: Wer hier zu den Siegern gehört, der kennt sich bestens aus in der Welt der Bits und Bytes. "Das Mathe- Abiwissen reicht für das, was hier abläuft, kaum aus", unterstreicht Malte. Auch er selbst könne nicht alles nachvollziehen, was die absoluten Freaks aus ihren Rechnern hervorzaubern würden. Genau wie Nicole, die Toiletten-Frau. "Aber Frauen können sich für so etwas auch selten begeistern", grinst Malte. Holger Karkheck