PC MAGAZIN Juli 1998 PC Underground Praxis Pilgerfahrt nach Fallingbostel Schwer bepackte Jugendliche pilgerten Karfreitag dieses Jahres nach Fallingbostel in die Lüneburger Heide. Doch nicht, um Buße zu tun oder die Ostermesse zu besuchen. Ihr Ziel war die Mekka & Symposium 98, Deutschlands bisher wohl größte Demo-Party. Mit Demos sind hier nicht Testversionen kommerzieller Software gemeint. Diese Demos bestehen vielmehr aus einer Mischung verschiedener Effekte und Grafiken, hinterlegt mit Musik. In ihrer Art erinnern sie oft an moderne Musikvideos, wie sie bei MTV oder VIVA laufen. Das Schreiben von Demos entwickelte sich in den 90er Jahren zu einer richtigen Jugendkultur mit eigener Szene und eben auch großen Partys. Heutige Programme enthalten mehrere MByte an Code und Daten, weshalb sich verschiedene Spezialisten die Arbeit aufteilen. Grafiker entwerfen kleine Logos und Schriftsätze sowie hochauflösende Bilder und Animationen. Handarbeit besitzt großen Wert, der Einsatz von Scannern ist verpönt. Elektronische Hilfsmittel wie Filter oder Raytracer schaffen dafür oft atemberaubende Effekte. Zum visuellen Eindruck fügen Musiker noch das Klangerlebnis hinzu. Sie reihen Samples zu einzelnen Tracks aneinander und komponieren daraus ihre Songs. Die Programmierer - in der Szene Coder genannt - schreiben den eigentlichen Quellcode der Demos. Sie implementieren Laderoutinen für die Grafiken, entwickeln immer neue überraschende Grafikeffekte und kämpfen dabei um jedes Quentchen Geschwindigkeit, das dem Prozessor zu entlocken ist. Schließlich sorgen sie auch dafür, daß die Songs synchron mit dem selbstablaufenden Grafikspektakel einsetzen. Die Mekka & Symposium '98 war eine einmalige Gelegenheit, Grafikprogrammierer und Musiker aus dem In- und Ausland zu treffen. Die 72 Stunden dauernde Party bot den rund 850 fast durchweg männlichen Besuchern genug Zeit, um neue Ideen zu besprechen und Wissen auszutauschen. Der Blick über den Tellerrand war erlaubt, neben der PC-Welt gab sich auch die Commodore-Gemeinde der C64er und Amigas die Ehre. Im Gepäck durfte ein gutbestückter Rechner natürlich nicht fehlen, und so bot die angemietete Mehrzweckhalle bald das Bild eines Raumfahrt-Kontrollzentrums. Per Ethernet entstand ein großes Partynetzwerk, über das Daten und Programme, aber auch schon mal das eine oder andere Netzwerkspiel flossen. Den allgemeinen Lärmpegel steigerten einige Teilnehmer zusätzlich mit einer Stereoanlage oder einem Synthesizer. Gelegentlich führte der hohe Energieverbrauch der mitgebrachten Kaffeemaschi- nen, Mikrowellen und Waffeleisen zu Stromausfällen, die zu kurzen Pausen an der Pommes-Bude vor der Halle genutzt wurden. Hauptereignisse der Party waren Wettbewerbe, zu denen jeder Besucher seine Demos, Spiele, Grafiken und Musikstücke einreichen konnte. Die Ergebnisse wurden dann auf eine 8 x 6 Meter große Leinwand projeziert und von einer baßkräftigen Sound-Anlage unterstützt. Jeder im Saal konnte so die Präsentation verfolgen, und wer sich im benachbarten Schlafzelt zur Ruhe gelegt hatte, spürte noch die Bässe in den Knochen. Ab und zu ging ein bewunderndes Raunen durch die Halle, manchmal tobte der Applaus. So auch bei der Siegergrafik von Cyclone/Abyss mit dem geheimnis- vollen Titel "Hänsel und Gretel im Paradies des blutigen Todes". Bei den PC-Demos trug die Gruppe "Matrix" mit dem aufwendig gestalteten "Fulcrum" einen überragenden Sieg davon. Die Wahl der Gewinner erfolgte in bester Basisdemokratie durch alle Anwesenden. Auf der Heft-CD finden sie neben den beiden Gewinnern weitere Demos, Spiele, Grafiken und Sounddateien im "mod"-Format der Mekka & Symposium '98. Auf mehr Material verweist die von den Veranstaltern betriebene WWW-Seite http://ms.demo.org Eine sehr gute Übersicht über international anstehende Partytermine bietet www.hornet.org/ha/pages/calendar.html Eine kleine Kuriosität am Rande war die erste Demo für den Nintendo Gameboy, welche auf einem Emulator lief. Auf der Video-Leinwand sorgte die sehr pixelige Darstellung aber eher für eine anerkennende Würdigung als für gebanntes Staunen. Der geplante Demo-Wettbewerb für Windows 95 fiel mangels Beteiligung aus. Das mag vor allem daran liegen, daß viele Coder die Hardware gerne direkt unter MS-DOS ansprechen, was Windows nun mal nicht zuläßt. Windows bietet dafür andere Annehmlichkeiten für die Programmierer, und moderne Prozessoren halten längst die geforderte Leistung bereit. So ist es wohl nur eine Frage der Zeit, wann auch anspruchsvolle Demos für Windows 95/NT das Licht der Welt erblicken. Vielleicht sind sie einer der ersten, die eine Demo für Windows 95/NT produzieren. Denn PC Magazin startet in dieser Ausgabe die neue Rubrik PC Underground, die an die Stelle des 1000-Zeilen-Wettbewerbs tritt. In den ersten Folgen erfahren sie von zwei Codern der Gruppe Cubic & $een Tricks zur Grafikprogrammierung unter 32-Bit-Windows. Dabei entwickeln Sie schrittweise eine komplette Demo mit allem, was dazugehört. Rüdiger Pein/BM